Deutsche Minderheiten und Vertriebenenverbände tagen in Frankfurt am Main
Vom 28. bis 30. August 2026 hat in Frankfurt am Main die 6. Internationale Fachtagung „Heimatvertriebene und Heimatverbliebene – Zwei Seiten der gleichen Medaille" stattgefunden. Veranstalter waren die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen für Wissenschaft und Forschung und die AGDM in der FUEN. Rund 60 Teilnehmende aus den deutschen Minderheiten, Vertriebenenverbänden, Politik, Wissenschaft und Kultur nahmen teil. Die Tagung stand unter der Schirmherrschaft des Hessischen Ministerpräsidenten Boris Rhein und wurde vom Bundesministerium des Innern aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages sowie vom Land Hessen gefördert.

Grußworte zur Eröffnung sprachen Prof. Dr. Roman Poseck, Hessischer Minister des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz, Klaus-Peter Willsch MdB, Vorsitzender der Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Andreas Hofmeister MdL, Beauftragter der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Stephan Rauhut, Kuratoriumsvorsitzender der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen und Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien Nieder- und Oberschlesien, sowie Benjamin Józsa, Sprecher der AGDM in der FUEN und Geschäftsführer des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (DFDR).



Innenminister Poseck hob in seinem Grußwort den grenzüberschreitenden Austausch und die Bewahrung des kulturellen Erbes der Deutschen im östlichen Europa hervor. Er verwies zudem auf die institutionelle Förderung der Kulturstiftung durch das Land Hessen und auf die Vermittlung dieses Erbes an jüngere Generationen.

Zu Beginn gedachten die Teilnehmenden in einer Schweigeminute der Opfer der Deportation der Deutschen aus der Wolgaregion und anderen Teilen der Sowjetunion. Anlass war der 85. Jahrestag des Erlasses vom 28. August 1941, mit dem die Deportationen begannen. Rund 900.000 Menschen wurden in der Folge nach Sibirien und Zentralasien verschleppt.

Den Impulsvortrag im ersten Themenblock hielt Bernard Gaida, ehemaliger Sprecher der AGDM sowie ehemaliger Vorsitzender und aktueller Beauftragter für internationale Angelegenheiten des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG). Gaida zeichnete nach, warum die Zusammenarbeit zwischen den Organisationen der deutschen Minderheit in Polen und den Vertriebenenverbänden über Jahrzehnte begrenzt blieb, während die Familien den Kontakt aufrechterhielten. Den geschätzt 20 bis 25 Millionen Deutschen, die vor dem Zweiten Weltkrieg zwischen der Oder-Neiße-Linie und Kamtschatka lebten, stellte er die Zahl von rund einer Million Angehörigen deutscher Minderheiten in den MOE- und GUS-Staaten gegenüber, die das Bundesministerium des Innern heute ausweist.

Seine zentrale These: Die eine Seite habe die Heimat im geografischen und materiellen Sinn behalten, die andere im sprachlichen, das gesamte kulturelle Erbe besitze keine der beiden Seiten. Einen Freund aus Allenstein zitierte er mit dem Satz: „Von der Heimat ist nur der Himmel geblieben." Gaida warb für eine Zusammenarbeit, die über den Rhythmus der Tagungen hinausgeht, und nannte als Felder die Jugendarbeit, die Medienarbeit, die Vernetzung musealer Einrichtungen, das Schulwesen und die Weiterentwicklung des Minderheitenrechts. Für kommende Tagungen schlug er Workshops mit konkreter Aufgabenverteilung vor.
An der anschließenden Podiumsdiskussion nahmen Benjamin Józsa, Andreas Hofmeister, Stephan Rauhut und der VdG-Vorsitzende Rafał Bartek teil, der zugleich Vorsitzender des Sejmik der Woiwodschaft Oppeln ist. Moderiert wurde die Runde von Dr. Lilia Antipow-Altrichter vom Haus des Deutschen Ostens in München.

Der zweite Themenblock war der Bewahrung und Vermittlung deutschen Kulturerbes durch die Jugendorganisationen der Landsmannschaften und der deutschen Minderheiten gewidmet. Die Impulse gaben Anna Schultheiß, Vorsitzende der Gemeinschaft Junger Ungarndeutscher, und Erik Flöter von der Sudetendeutschen Jugend. Auf dem Podium diskutierten Erik Flöter, Klaus Weber (Banater Jugend- und Trachtengruppe), Peter Harder (Bund Junges Ostpreußen), Tobias Schulz (Junges Schlesien), Sebastian Arion (AGDM-Jugendkoordinator und Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Jugendorganisationen in Rumänien) und Paulina Widera (Bund der Jugend der Deutschen Minderheit in Polen).

Am Samstag ging es nach der Begrüßung durch Thomas Konhäuser, Geschäftsführer der Kulturstiftung, um Synergien in der Zusammenarbeit mit Einrichtungen aus Wissenschaft und Forschung. Beteiligt waren unter anderem Dr. Dr. Gerald Volkmer vom Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Prof. Dr. Axel Walter von der Eutiner Landesbibliothek, Diakon Dr. Marek Dziony von der Deutsch-Polnischen Joseph von Eichendorff Bibliothek in Oppeln und Vladimir Ham, Vorsitzender der Deutschen Gemeinschaft in Kroatien.
Der vierte Themenblock behandelte Wege der Wissensvermittlung, moderiert von Dr. Olga Martens (BdV Hessen). Vorgestellt wurden museale Ansätze, darunter das Freilichtmuseum Hessenpark, das Wolhynier Umsiedlermuseum Linstow und das Donauschwäbische Kirchenmuseum in Apatin, digitale Formate wie das Hessische Digitalportal „Flucht und Vertreibung im europäischen Kontext", das Infoportal der Interessengemeinschaft der Deutschen aus Russland in Hessen, das Informationsportal der deutschen Minderheit in der Ukraine sowie die AGDM-Plattform für die Zusammenarbeit der musealen Einrichtungen der deutschen Minderheiten in Mittel- und Osteuropa und Zentralasien. Ein dritter Abschnitt war grenzüberschreitenden Kultur- und Bildungsprojekten gewidmet, unter anderem mit Beiträgen der Bildungsstätte „Der Heiligenhof", der Deutsch-Baltischen Gesellschaft, der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen und des Vereins der Deutschen in Klaipėda.
Am Sonntag fassten Thomas Konhäuser und AGDM-Koordinatorin Renata Trischler die Ergebnisse zusammen. Die abschließende Diskussion stand unter dem Titel „Impulse zu neuen Ideen und Ansätzen. Vernetzung, Koordination und Mitwirkung". Die Schlussworte sprach Dr. Ernst Gierlich, Vorsitzender der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen.
Am Rande der Tagung kamen Vertreterinnen und Vertreter mehrerer AGDM-Mitgliedsorganisationen zu einer Arbeitssitzung zusammen. Besprochen wurden aktuelle Anliegen aus den Mitgliedsorganisationen sowie erste inhaltliche und organisatorische Punkte der kommenden AGDM-Jahrestagung.
Über die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen
Die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen für Wissenschaft und Forschung wurde 1974 gegründet und hat ihren Sitz in Bonn. Grundlage ihrer Arbeit ist § 96 des Bundesvertriebenengesetzes. Gemeinsam mit der AGDM veranstaltet sie seit 2020 die internationale Begegnungstagung „Heimatvertriebene und Heimatverbliebene". Auf die erste Tagung 2020 in Dresden folgten Veranstaltungen in Wiesbaden, Stuttgart, Bayreuth und Berlin. Nach einer Pause im Jahr 2025 wurde das Format in Frankfurt am Main fortgesetzt.


