„Akt der Würde“: Erinnerung an die Verschleppung und Vertreibung der Ungarndeutschen vor 80 Jahren

Am 19. Januar wurde an mehreren Orten in Ungarn und Deutschland des Beginns der Verschleppung und Vertreibung der Ungarndeutschen vor 80 Jahren gedacht. Der Gedenktag erinnert an den 19. Januar 1946, als aus Wudersch/Budaörs bei Budapest der erste Zug mit enteigneten, entrechteten und ihrer Staatsbürgerschaft beraubten Ungarndeutschen in Richtung Deutschland abfuhr. Insgesamt begann damit die Vertreibung von über 200.000 Menschen. Bereits 1944/45 waren zudem 35.000 bis 40.000 ungarische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger deutscher Abstammung zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt worden, von denen rund ein Viertel nicht zurückkehrte.

Ungarn hatte den 19. Januar im Jahr 2012 zum offiziellen nationalen Gedenktag erklärt und damit als erster Staat in Europa das Unrecht der Verfolgung und Vertreibung der deutschen Minderheit nach 1944/1945 offiziell anerkannt.

Die zentrale Gedenkveranstaltung in Ungarn fand am Vormittag auf dem Alten Friedhof von Wudersch/Budaörs statt. Am Nationalen Denkmal für die Vertreibung der Ungarndeutschen wurde unter militärischen Ehren ein Kranz niedergelegt. An der Zeremonie nahmen unter anderem Ibolya Hock-Englender, Vorsitzende der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen (LdU), sowie László Kövér, Präsident des ungarischen Parlaments, teil. Im Anschluss wurde in der St.-Johann-von-Nepomuk-Kirche im Rahmen einer Heiligen Messe der Opfer von Verschleppung, Enteignung und Vertreibung gedacht.

Am Abend fand in München eine gemeinsame Gedenkveranstaltung mit dem deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, dem ungarischen Staatspräsidenten Dr. Tamás Sulyok und Olivia Schubert, Präsidentin der FUEN und Vizevorsitzende der LdU, statt. An der Veranstaltung nahmen zudem weitere hochrangige Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Gesellschaft teil, darunter Dr. Bernd Fabritius, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Dr. Petra Loibl, Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene, und Stephan Mayer MdB, Präsident des Bundes der Vertriebenen (BdV).

Neben den Ansprachen der beiden Staatsoberhäupter und von Olivia Schubert gab es Grußworte von Ulrike Scharf, Bayerische Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales, sowie von Dr. Péter Györkös, Botschafter von Ungarn in der Bundesrepublik Deutschland. Das Programm umfasste außerdem ein Zeitzeugengespräch sowie musikalische Beiträge und stand im Zeichen der gemeinsamen Erinnerung und der deutsch-ungarischen Verständigung. Moderiert wurde die Gedenkveranstaltung von Prof. Dr. Andreas Otto Weber, Direktor des Hauses des Deutschen Ostens mit Sitz in München.

In seiner Festrede erinnerte Steinmeier an das Leid der Betroffenen und betonte: „Um der historischen Wahrheit willen darf es nicht vergessen werden.“ Zugleich hob er die Bedeutung von Versöhnung hervor und würdigte die Entscheidung des ungarischen Parlaments, einen eigenen nationalen Gedenktag einzurichten. Es gehöre zu den außergewöhnlichen Schritten der europäischen Erinnerungskultur, „dass ein Parlament ein schweres Unrecht, das von Vorfahren an einer Volksgruppe begangen wurde, nicht nur beim Namen nennt, sondern einen eigenen nationalen Gedenktag dazu einrichtet“, so der Bundespräsident.

Steinmeier stellte klar, dass das Gedenken an die Vertreibung der Ungarndeutschen untrennbar mit der Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen verbunden sei. Zugleich würdigte er die Integrationsleistung der Vertriebenen und ihren Beitrag zum Wiederaufbau Deutschlands. Heute seien Ungarndeutsche vielfach kulturelle und politische Brückenbauer zwischen Ungarn und Deutschland und damit auch Träger europäischer Verständigung. (Die vollständige Rede von Bundespräsident Steinmeier kann HIER nachgelesen werden.)

Auch der ungarische Staatspräsident Tamás Sulyok unterstrich die Bedeutung der deutsch-ungarischen Beziehungen. Am Rande der Veranstaltung verwies er auf die jahrhundertealte gemeinsame Geschichte beider Länder, die von wirtschaftlichen und kulturellen Verbindungen sowie einer gemeinsamen Verantwortung innerhalb der europäischen Gemeinschaft geprägt sei. Die strategische Partnerschaft zwischen Ungarn und Deutschland werde nicht zuletzt durch die aktiven Minderheiten und Diasporagemeinschaften in beiden Ländern gestärkt.

Olivia Schubert hielt ebenfalls eine Ansprache an die Versammelten. Darin sagte sie, dass die Vertreibung „kein abstraktes historisches Ereignis“, sondern „konkret, brutal und zutiefst persönlich“ gewesen sei. Sie habe Gesichter, Namen und Stimmen gehabt und tiefe Brüche hinterlassen, die bis heute nachwirkten. „Gedenken bedeutet für uns Ungarndeutsche mehr als Rückschau. Es ist ein Akt der Würde“, sagte Schubert. Dass heute gemeinsam mit den Staatsoberhäuptern beider Länder erinnert werde, sei ein starkes Zeichen der Verantwortung und der Anerkennung des erlittenen Unrechts.

Mit Blick auf die Gegenwart verwies Schubert darauf, dass die Ungarndeutschen heute als anerkannte nationale Minderheit in Ungarn leben, ihre Sprache und Kultur pflegen und über politische Teilhabe verfügen. Dies sei Ergebnis eines langen Weges und eines politischen Willens zur Versöhnung. Zugleich machte sie deutlich, dass Minderheitenschutz kein Randthema sei, sondern ein Prüfstein für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Frieden, gerade in einer Zeit, in der Krieg, Vertreibung und Minderheitenfeindlichkeit in Europa erneut Realität sind.

Den Abschluss der zentralen Gedenkveranstaltungen bildete am 20. Januar in Budapest die Gedenkkonferenz „Nie wieder!“, organisiert von der LdU. Im Festsaal der Ungarischen Akademie der Wissenschaften beleuchteten Historikerinnen und Historiker sowie Expertinnen und Experten den historischen Hintergrund und die Folgen der Vertreibung. Das detaillierte Programm der Konferenz ist HIER einsehbar.

Weitere Informationen zur Verschleppung und Vertreibung der Ungarndeutschen finden sich auf der Webseite des Ungarndeutschen Kultur- und Informationszentrums.